Diskrepanzkriterium
Der Vergleich von Lese-Rechtschreibleistung und Intelligenz – fachlich überholt, aber noch im Umlauf.
Was bedeutet Diskrepanzkriterium?
Das Diskrepanzkriterium verlangt, dass die Lese- oder Rechtschreibleistung deutlich unter dem liegt, was nach der gemessenen Intelligenz zu erwarten wäre. Nur dann wurde früher von einer Lese-Rechtschreibstörung gesprochen; Kinder mit niedrigerem IQ galten stattdessen als allgemein lernschwach und blieben von Förderung häufig ausgeschlossen.
Typische Merkmale
- Vergleich zweier Testergebnisse: Schulleistung und Intelligenzwert
- meist gefordert wurde ein Abstand von mindestens einer Standardabweichung
- stammt aus der älteren Fassung der diagnostischen Kriterien
- spielt in manchen Schulverwaltungen und Erlassen noch eine Rolle
Wie wirkt sich das auf das Lernen aus?
Die Kritik hat zwei Stränge. Fachlich zeigen Studien, dass sich Kinder mit und ohne IQ-Diskrepanz in Fehlerbild, Verlauf und Förderbedarf kaum unterscheiden – der Intelligenzwert sagt wenig darüber aus, welche Leseförderung wirkt. Praktisch führte das Kriterium dazu, dass gerade Kinder mit ohnehin schwierigen Startbedingungen keine Unterstützung erhielten. Die ICD-11 hat die Anforderung entsprechend nicht übernommen.
Wie können Eltern unterstützen?
- Fragen, auf welche Fassung der Kriterien sich ein Befund stützt.
- Bei Ablehnung wegen des IQ-Werts nach der geltenden Landesregelung fragen.
- Förderbedarf über die tatsächliche Leseleistung begründen, nicht über den IQ.
- Sich an Schulpsychologischen Dienst oder Fachverbände wenden.
Häufige Fragen zu Diskrepanzkriterium
Braucht mein Kind für eine LRS-Diagnose einen IQ-Test?
Ein Intelligenztest wird oft weiterhin durchgeführt, um andere Erklärungen auszuschließen. Ein bestimmter Abstand zwischen IQ und Leseleistung wird nach aktuellem fachlichem Stand aber nicht mehr verlangt.
Was gilt jetzt stattdessen?
Maßgeblich ist, dass die Lese- oder Rechtschreibleistung deutlich unter dem Alters- beziehungsweise Klassenniveau liegt, die Schwierigkeit anhält und sich nicht durch fehlenden Unterricht oder unkorrigierte Seh- und Hörprobleme erklären lässt.
Verwandte Begriffe
Quellen
- WHO: ICD-11, 6A03 Developmental learning disorder (aktuelle Klassifikation; übernimmt das Diskrepanzkriterium nicht)
- AWMF S3-Leitlinie 028-044: Diagnostik und Behandlung der Lese- und/oder Rechtschreibstörung (Gültigkeit abgelaufen, Überarbeitung angemeldet)
Diese Erklärung hilft dir, einen Befund zu verstehen. Was ein Ergebnis für dein Kind bedeutet, gehört in ein persönliches Gespräch.
Stand: August 2026
Autorin: Christine Grimm, ganzheitliche Lernexpertin – Lernen einfach erleben
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