SLRT-II
Lesen und Rechtschreiben getrennt erfassen.
Was bedeutet SLRT-II?
Der SLRT-II ist eines der Verfahren, die am häufigsten eingesetzt werden, wenn eine Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit abgeklärt wird. Sein Kennzeichen: Er prüft Lesen und Rechtschreiben getrennt voneinander und liefert dafür zwei eigenständige Ergebnisse. Das klingt nach einem Detail, ist aber der Kern des Verfahrens – denn beides kann unabhängig voneinander betroffen sein. Manche Kinder lesen flüssig und schreiben trotzdem sehr fehlerhaft, bei anderen ist es umgekehrt. Ein Test, der beides zu einem Wert zusammenfasst, würde genau das verdecken.
Typische Merkmale
- Ein Leseteil, bei dem das Kind eine Minute lang laut liest
- Neben echten Wörtern auch Kunstwörter ohne Bedeutung
- Ein Rechtschreibteil mit diktierten Wörtern in Satzlücken
- Getrennte Ergebnisse für Lesen und für Rechtschreiben
- Unterscheidung zwischen lauttreuen und orthografischen Fehlern
- Der Lesetest wird einzeln durchgeführt, der Rechtschreibtest einzeln oder in der Gruppe
Wie wirkt sich das auf das Lernen aus?
Die Kunstwörter sind der eigentliche Kniff des Verfahrens. Sie prüfen etwas anderes als echte Wörter: nicht, ob ein Kind ein Wort wiedererkennt, sondern ob es ein unbekanntes Wort Laut für Laut erschließen kann. Deshalb sind zwei Muster aufschlussreich. Liest ein Kind bekannte Wörter flüssig, gerät bei Kunstwörtern aber ins Stocken, kann das auf eine Schwäche beim lautierenden Erlesen bei vergleichsweise besserer direkter Worterkennung hinweisen. Umgekehrt zeigt ein Kind, das Kunstwörter gut erschließt, bei echten Wörtern aber langsam bleibt, ein anderes Bild. Beides sind Hinweise, keine Befunde – und beide führen zu unterschiedlichen Förderwegen. Beim Rechtschreiben wird zusätzlich unterschieden, ob ein Wort so geschrieben wurde, wie man es spricht, oder ob auch das nicht gelingt. Vom SLRT-II gibt es mehrere Auflagen, die sich in den Vergleichswerten unterscheiden. Welche verwendet wurde, steht im Befund. Falls du zwei Ergebnisse aus verschiedenen Jahren nebeneinanderlegst, lohnt der Blick darauf – Werte aus unterschiedlichen Fassungen sind nicht ohne Weiteres vergleichbar.
Differenzierte Betrachtung
Ein Testergebnis entsteht an einem bestimmten Tag, in einer bestimmten Situation. Mehrere Dinge beeinflussen es, ohne dass sie etwas über die Lesefähigkeit aussagen:
- Aufregung vor der ungewohnten Situation
- Müdigkeit oder die Tageszeit
- Erfahrung mit Testsituationen
- Die Beziehung zur Person, die den Test durchführt
- Ob das Kind verstanden hat, worum es geht
Unterschied der Begriffe
Leseteil
Misst, wie schnell und sicher Wörter erlesen werden. Er sagt nichts darüber, ob das Kind versteht, was es liest.
Rechtschreibteil
Misst die Schreibleistung und die Art der Fehler. Er wird getrennt ausgewertet – ein gutes Leseergebnis sagt nichts über das Schreiben voraus.
Leseverständnistest
Ein anderes Verfahren mit einer anderen Frage: Was kommt vom Gelesenen an? Wird oft ergänzend eingesetzt, weil flüssiges Lesen und Verstehen zwei verschiedene Dinge sind.
Wie können Eltern unterstützen?
- eine Lese-Rechtschreib-Störung
- unerkannte Seh- oder Hörschwierigkeiten
- viele Fehlzeiten, ein Schulwechsel oder ein Wechsel der Lernmethode
- Deutsch als weitere Sprache
- eine belastende Situation zu Hause oder in der Klasse
- Erschöpfung, Schlafmangel, zu wenig Pausen
- Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten
- fehlende Automatisierung – das Kind kann es, aber noch nicht mühelos
- ein schlechter Tag
Schule & Unterstützung
Ob ein SLRT-II-Ergebnis der Schule genügt, um einen Nachteilsausgleich zu gewähren, hängt vom Bundesland ab. Manche Länder verlangen eine schulpsychologische Stellungnahme, andere lassen die schulische Feststellung genügen, und in Hamburg ist ein eigenes schulisches Verfahren maßgeblich. Kläre das mit der Schule, bevor du eine Diagnostik in Auftrag gibst – sonst hast du am Ende ein Ergebnis, mit dem die Schule nicht arbeiten kann.
Was gilt in meinem Bundesland? Die Länderübersicht findest du unter „Was gilt in meinem Bundesland?“.
Häufige Fragen zu SLRT-II
Warum liest mein Kind Wörter vor, die es gar nicht gibt?
Weil sich nur so zeigt, ob dein Kind ein unbekanntes Wort erlesen kann oder ob es Wörter aus dem Gedächtnis abruft. Ein Kunstwort hat es noch nie gesehen – es muss es Laut für Laut erschließen. Das ist keine Schikane, sondern der Teil, der über das lautierende Lesen am meisten aussagt.
Mein Kind war aufgeregt. Zählt das Ergebnis trotzdem?
Sprich es an. Eine erfahrene Fachperson berücksichtigt sichtbare Anspannung bei der Einordnung und entscheidet, ob und wie das Ergebnis zusätzlich abgesichert werden sollte. Ein Ergebnis, das unter sichtbarer Anspannung entstanden ist, sollte nicht für sich allein stehen.
Bedeutet ein niedriges Ergebnis automatisch eine Diagnose?
Nein. Ein einzelner Test ist ein Baustein. Zu einer Diagnose gehören mehrere Untersuchungen, die Vorgeschichte, Beobachtungen aus der Schule und der Ausschluss anderer Ursachen. Der Test sagt, wo dein Kind gerade steht – nicht, warum.
Kann ich den Test selbst mit meinem Kind machen?
Nein. Die Vergleichswerte gelten nur, wenn der Test genau so durchgeführt wurde wie bei den Kindern, mit denen verglichen wird – gleiche Anweisungen, gleiche Zeit, gleiche Bedingungen. Zu Hause durchgeführt entsteht eine Zahl, die sich mit nichts vergleichen lässt. Diese Verfahren sind deshalb auch nicht frei erhältlich.
Verwandte Begriffe
- Testwerte verstehen
- Prozentrang
- LRS
- Leseflüssigkeit
- Phonologische Bewusstheit
- Nachteilsausgleich
- Was gilt in meinem Bundesland?
Quellen
- Moll, K. & Landerl, K.: SLRT-II. Lese- und Rechtschreibtest. Hogrefe
- Klicpera, C., Schabmann, A., Gasteiger-Klicpera, B. & Schmidt, B.: Legasthenie – LRS. 6., aktualisierte Auflage 2020, Reinhardt
- AWMF: S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Registernummer 028-044, Fassung von 2015; Gültigkeit abgelaufen, Überarbeitung angemeldet
Diese Erklärung ersetzt keine Diagnostik. Ob eine Schwierigkeit vorliegt und was sie für dein Kind bedeutet, lässt sich nur im Einzelfall klären.
Stand: August 2026
Autorin: Christine Grimm, ganzheitliche Lernexpertin – Lernen einfach erleben
Dir ist ein Fehler aufgefallen oder hat sich in deinem Bundesland etwas geändert? Schreib mir gern.